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[LebensWissen.org] CfP: Aussterben: Darstellungen und Diskurse am Beispiel bedrohter Arten und Sprachen, ZfL Berlin, 25.-27.4.2019, Bewerbungsfrist: 15.7.2018

Ort: Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, Schützenstr. 18, 10117 Berlin
Organisiert von Eva Geulen, Falko Schmieder, Georg Toepfer
Kontakt: Georg Toepfer

Vom Aussterben biologischer Arten, Sprachen und Kulturen wird täglich alarmierend berichtet – aber wir erfahren das Phänomen, anders als den Klimawandel, kaum selbst durch eigene Anschauung. Sachbücher über das Aussterben von Tierarten erweisen sich auf dem Buchmarkt als überaus erfolgreich und werden mit hochrangigen Preisen dekoriert – aber sie lesen sich doch wie immergleiche Abenteuerromane von Reisen in ferne Länder und erscheinen letztlich als bloß melancholische Dokumente der Ohnmacht gegenüber einer nicht aufzuhaltenden ökonomischen und sozialen Dynamik. Das Phänomen des Verlusts und Niedergangs der Vielfalt passt nicht zu der erlebten hochdynamischen Welt, die in wachsender Geschwindigkeit Innovationen, Hybridisierungen und technische Revolutionen produziert und durch globale Migration von Menschen, Tieren und Pflanzen geprägt ist. Ist das Aussterben in der Natur und in allen Bereichen des Kulturellen, die sich der technologischen und globalisierten Moderne zu entziehen versuchen, notwendige Kehrseite dieser Dynamik? Muss es zugunsten der Bewahrung unserer Lebensverhältnisse und der Verbesserung der Lebensverhältnisse anderer in Kauf genommen werden? Oder ist es Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise? Lässt sich außerdem das Aussterben biologischer Arten und kultureller Erscheinungen wie Sprachen überhaupt mit Gewinn parallel diskutieren? Kann die Forderung eines Rechts auf Vergessen, die als Gegenbewegung zu der kommerziell gesteuerten Musealisierung mit dem obersten Primat der (zumindest digitalen) Erhaltung von allem erscheint, auch auf das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten bezogen werden? Oder haben wir eine größere oder ganz andere Verantwortung zur Erhaltung von Dingen, die nicht von Menschen hervorgebracht wurden? In welcher Form und für wen soll das Vorhandene überhaupt erhalten werden?

Indem auf der Tagung diese Fragen gestellt werden, soll ein Schritt hinter die aufrüttelnden Nachrichten vom Aussterben zurückgetreten und die scheinbare Selbstverständlichkeit des Begriffs befragt werden. Wir fragen nach der Geschichte und den Rezeptionsweisen des Aussterbensdiskurses im Spannungsfeld verschiedener Disziplinen, nach den Formen seiner Repräsentation und Erzählung sowie nach den Bewertungen und Strategien der Bewältigung. Kontrastfolie der Fragen ist dabei eine geweitete historische Perspektive, die deutlich macht, wie sehr die Rhetorik der Moderne das Verschwinden und Vernichten des Nichtpassenden ehemals in Kauf nahm oder sogar forderte. Das Ausrotten von Tierarten wie dem Wolf oder anderer Raubtiere folgte in vielen Ländern Europas bis ins 19. Jahrhundert einem rechtlich sanktionierten und staatlich geförderten Programm. Ausdrücklich begrüßte der Botaniker Carl Nägeli noch 1865 die »in der Zukunft bevorstehende massenhafte Vernichtung von Pflanzen- und Thierarten« durch den Menschen als einen kulturellen Fortschritt, der »mit Intelligenz und Absicht vollbracht« werde, mit dem Ziel einer »Veränderung der Natur in der Richtung des Nützlichen und Zweckmässigen.« In ganz ähnlicher Weise haben Sozialdarwinisten und Kolonialisten das Aussterben, Ausrotten oder die Zivilisierung sogenannter Naturvölker als Triumph des Kulturmenschen angesehen.

Auf der Tagung sollen verschiedene Problemfelder und Semantiken des Aussterbens analysiert und in historischer und vergleichender Perspektive diskutiert werden. Spezielle Interessen gelten dabei der Veränderung der Problemwahrnehmungen und Problembeschreibungen, den Formen des Erzählens und Darstellens des Aussterbens, dem Wandel der zugrundeliegenden Werthaltungen und Weltbilder, den konzeptuellen Verflechtungen von Natur- und Kulturgeschichte sowie den normativen Begründungsfiguren und Repräsentationsformen.

Beteiligte: Ursula Heise (UCLA), Lena Kugler (Universität Konstanz), Thomas Lemke (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Manfred Krifka, Mandana Seyfeddinipur (beide Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft), Eva Geulen, Falko Schmieder, Georg Toepfer, Stefan Willer (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin)

Interessierte senden bitte bis zum 15. Juli 2018 Titel und Abstract (maximal 2.000 Zeichen) Ihres geplanten Beitrags an Georg Toepfer (toepfer@zfl-berlin.org).

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